Pressespiegel

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Der erste 1. Mai nach dem 1. Mai

versorgerin
Don, 2010-05-13

Vanessa Gaigg und Christian Diabl über zweierlei Maidemos in Linz.

Schön war’s! Lustig, bunt, kreativ und gewaltfrei. Der 1. Mai wurde heuer mit besonderer Spannung erwartet. Obwohl eigentlich davon auszugehen war, dass sich die Szenen des Vorjahrs nicht mehr wiederholen würden. Zu schlecht ist die Exekutive medial bei der ganzen Sache weggekommen, zu stark war der zivilgesellschaftliche Aufschrei nach den Polizeiübergriffen und zu spektakulär die Freispruchserie vor Gericht. Ein polizeiliches Desaster, das den Ablauf des 1. Mai wieder in gewohnter Form ermöglichte. Und doch war es ein bisschen anders. Viele Leute haben sich was überlegt, MAIZ glänzte mit Verkleidung und Choreographie, die Clown-Army brachte sogar den einen oder anderen Polizisten zum Lächeln und auch die traditionelle Musikkapelle war heuer größer als sonst. Und die Polizei? War kaum zu sehen. Freilich standen die Mannschaftswägen ein paar Straßen weiter in Bereitschaft, aber zu der groß angekündigten neuen Einsatztaktik gehörte auch, dass lediglich eine Handvoll Beamte mit leuchtenden Warnwesten und Tellermützen die ca. 800 DemonstrantInnen begleiteten. Zählen können die Kollegen aber immer noch nicht, anders ist die kolportierte Zahl von 200-300 TeilnehmerInnen nicht zu erklären. Jedenfalls hätte die Polizei auch letztes Jahr einen ähnlich ruhigen Tag verbringen können – ein schlampiger Umgang mit Grundrechten und eine überforderte Einsatzleitung verhinderten dies aber.

Was war passiert?

Vor einem Jahr war alles ganz anders. Bereits im Vorfeld warnte das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT) vor einem noch nie dagewesenen Gefahrenpotential, das durch den angekündigten Aufmarsch der neonazistischen NVP angeblich bestanden hat. Zusammenstöße zwischen Antifas und Nazis wurden befürchtet. Als sich dann auf der Blumau ein antifaschistischer Block formierte und vereinzelt Kapuzen aufgesetzt wurden, entschied der Linzer Polizeidirektor Widholm, den »vermummten Block« einzukesseln und am Abmarsch zu hindern. Bedingung für ein Verlassen des Kessels war, sich mit Namensschild fotografieren zu lassen, was die meisten der etwa 70 Jugendlichen verweigerten. Nach ca. 2 Stunden entschloss sich die dreiköpfige Einsatzleitung den Kessel gewaltsam aufzulösen und Personen einzeln rauszuholen. Der dafür in Stellung gebrachte Greiftrupp lieferte dann die erschütternden Fernsehbilder von prügelnden Polizisten. Fünf Personen wurden festgenommen und wegen »Widerstand gegen die Staatsgewalt« und teilweise »schwerer Körperverletzung« angezeigt. Unter den Verhafteten befand sich auch Rainer Zendron, der Vizerektor der Linzer Kunstuniversität. Ein »glücklicher Zufall«, wie er selbst sagt, denn das garantierte das enorme Medieninteresse an dem skandalösen Einsatz.

Das Bündnis gegen Polizeigewalt

Der Schock saß tief, das Ausmaß der Polizeigwalt überraschte auch erfahrene DemoteilnehmerInnen. Zum ersten Mal seit dem Faschismus wurde ein Maiaufmarsch in Linz verhindert. Doch anstatt in Schockstarre zu verfallen wurde erst einmal telefoniert und binnen weniger Stunden hatte sich das »Bündnis gegen Polizeigewalt« gebildet. Alle machten mit. Bei der ersten Pressekonferenz eine Woche später waren bereits 133 Organisationen und Vereine auf der UnterstützerInnenliste, nach einem Monat fast 180. Autonome, KommunistInnen, Grüne, SPÖ-Jugendorganisationen und praktisch die gesamte freie Kunst- und Kulturszene unterstützten den Protest ebenso wie zahlreiche Prominente wie Robert Menasse, Franzobel, Elfriede Hammerl und Erich Hackl. Solidarität kam ebenfalls von mitgliederstarken Organisationen wie der Volkshilfe und den Kinderfreunden. Das Bündnis wurde damit für die Medien ein glaubwürdiger Informant. Die kurzfristig organisierte Demonstration gegen Polizeigewalt am 8. Mai brachte mehr als 700 Menschen auf die Straße. Auch in der Medienberichterstattung begann sich das Blatt langsam zu wenden. War anfangs noch von einem »vermummten Block« die Rede zweifelten viele JournalistInnen bereits nach wenigen Tagen an der Version der Polizei, die ihre Unterstellungen bis heute nicht belegen konnte. Den Anfang machte das ZiB2-Interview von Rainer Zendron, in dem Bilder seiner Verhaftung gezeigt und kritisch kommentiert wurden. Auch die Behinderung der Medien durch die Polizei während des Kessels verminderte deren Skepsis nicht wirklich. Alles in allem ein fruchtbarer Boden für professionelle Medienarbeit. Das Bündnis übernahm diesen Part in enger Zusammenarbeit mit der Rechtshilfe und der Verteidigung. Akten und Dokumente wurden den Medien zugespielt und mehrere Pressekonferenzen im Gelben Krokodil organisiert.

Die Freispruchserie

Nicht weniger spektakulär war die zwei Monate später beginnende gerichtliche Aufarbeitung der 1. Mai-Causa. Bereits die erste Verhandlung deckte mehr als fragwürdige Aspekte polizeilicher Ermittlungsarbeit auf. Während der Demo filmte die Exekutive die ganze Zeit mit, nur war das Video im Vorfeld des ersten Prozesses einfach nicht aufzutreiben. Der Anwalt schaffte es dann irgendwie an den Film zu kommen und bald war klar, warum er so lange verschollen war. Er zeigt die Prügelaktion des Greiftrupps – im Gegensatz zum ORF-Material – von Anfang an und zerbröselte die Argumentationslinie der Polizei nachhaltig. Das überraschende Auftauchen des Beweismittels führte nicht nur zum ersten Freispruch, sondern blamierte die Beamten auch bis auf die Knochen. Alle mussten sich unmittelbar nach ihren Aussagen das Material ansehen, das so ziemlich das Gegenteil ihrer Aussagen zeigte. Ein Desaster für die Polizei und der Beginn der juristischen Siegesserie. Bedenkliches kam auch über den internen Umgang mit Akten zutage. So hatten sechs Polizisten einen belastenden Aktenvermerk unterschrieben, von denen vier in der Verhandlung zugeben mussten, eigentlich nichts gesehen zu haben. Außerdem wurden schriftliche Stellungnahmen aufeinander abgestimmt und ein Textvorschlag für einen »wünschenswerten Aussageinhalt« an beschuldigte Beamte übermittelt, wie Peter Pilz am Rande eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses aufdeckte. Ein Verfahren wurde von der Staatsanwaltschaft eingestellt, drei weitere Beschuldigte in den darauffolgenden Monaten ebenfalls freigesprochen. Somit wurde kein einziger Demonstrant verurteilt. Im Oktober übermittelte der gemeinsame Verteidiger der fünf Verhafteten eine Sachverhaltsdarstellung an das Büro für interne Angelegenheiten (BIA), das wegen »Amtsmissbrauch« und »Körperverletzung« ermittelte. Der Akt ist seit März fertig und liegt bei der Korruptionsstaatsanwaltschaft. Zumindest ein Beamter dürfte sich vor Gericht verantworten müssen.
Die Verhandlungen vor dem Unabhängigen Verwaltungssenat (UVS) beginnen am 17. Mai.
Für Spannung ist also noch gesorgt.

Satire und Traditionsräusche

Heuer tat sich viel am 1. Mai. Bereits im Vorfeld fand eine Reihe von Workshops zu Themen wie Rechtshilfe, Radical Cheerleeding, Straßenmedizin und ein basic rebel clown training statt. Begonnen hat der Tag mit einer heftig diskutierten und angefeindeten Kunstaktion, dem »Cam Cat Walk«, der das Thema Vermummung satirisch aufbereitet hat. Ausgewählt für den KUPF-Innovationstopf und daher vom Land Oberösterreich finanziert, wurde die beste Demoverkleidung prämiert. In der Jury saßen Rainer Zendron, die grüne Stadträtin Eva Schobesberger und die Strafrechtsprofessorin Petra Velten. ÖVP und FPÖ kritisierten die Veranstaltung heftig und sorgten damit für die gewünschte Aufmerksamheit. Die »goldene Sicherheitsnadel« ging schließlich an das Team von MAIZ.
In der KAPU fand die ebenfalls schon traditionelle Maiparty mit Musik und Gulasch statt. Heuer wurde ein Anti-Repressionssampler mit Live-Acts präsentiert – auch eine der vielen Folgeerscheinungen der vergangenen Ereignisse. Die Sozialistische Jugend Linz brachte bei der Stahlstadtsession Anarcho-Hip Hop in die Stadtwerkstatt und erstmals hörten wir JungsozialistInnen und Autonome gemeinsam nach der »Revolution« schreien. Und da lästige Kessel, Prügel und Bündnisgründungen diesmal ausblieben, hatten alle Beteiligten genug Zeit, um heuer wieder den gewohnten 1.Mai-Alkoholpegel zu erreichen, was letztes Jahr ein echtes Problem war.

Freispruch-Party in der Stadtwerkstatt

Eines hat die Polizei jedenfalls geschafft. Das alternative und progressive Linz ist enger zusammengerückt, neue Allianzen entstanden, Freundschaften über politische Grenzen hinweg wurden geschlossen und die Linke durfte feststellen, was möglich ist, wenn sie zusammenarbeitet und kleinkarierte Grabenkämpfe beiseite lässt. Da es für uns in Österreich nur selten was zu feiern gibt, nutzen wir die Gelegenheit. Am 4. Juni laden die KAPU und die Stadtwerkstatt gemeinsam mit dem Bündnis gegen Polizeigewalt zur Freispruch-Party in die Stadtwerkstatt. Gemütliches Zusammensein, reflektieren und feiern. Den Dancefloor bringen an diesem Abend zum Brodeln: DJ Avarage, New City Punk, DJ Well-Cop und aus dem Bordercross Kollektiv DJ Kid Sparrow. Der Abend wird erweitert mit Volxküche, Tonnen an Infomaterial, Polizeivideos vom 1. Mai uvw.

Schaut’s vorbei und feiert’s mit!

Infos:
http://gegenpolizeigewalt.servus.at
http://camcatwalk.snusnu.info/de/index.html

Christian Diabl (KAPU) und Vanessa Gaigg (AKS) sind SprecherInnen des Bündnis gegen Polizeigewalt - Für Demonstrationsfreiheit

10.000 bei SP-Maiaufmarsch: Bei KP-Demo blieb diesmal alles ruhig

nachrichten.at
Mon, 2010-05-03

Gott sei Dank friedlich verlief heuer der „Tag der Arbeit“ in der Linzer Innenstadt – beim Maiaufmarsch wie auch bei Demonstranten. Es gab keine Zusammenstöße, berichtete mir Christoph Weissenböck, der für die OÖN dabei war.

„Are you gonna go my way?!?“ – als sich der SP-Tross Punkt neun Uhr auf der Blumau in Bewegung setzte, schmetterte eine Rockband den Lenny-Kravitz-Klassiker von einem Lkw den Zuschauern entgegen. Die nach Parteiangaben mehr als 10.000 Teilnehmer ließen sich nicht lange bitten. Ihr Ziel war klar: der Hauptplatz, wo Vizebürgermeister Klaus Luger (SPÖ) die Gruppen der Reihe nach begrüßte. Und er musste lang reden: denn der Festzug war wesentlich länger geworden, als erwartet.

Bürgermeister musste warten

Erst 45 Minuten später als geplant konnte deshalb Bürgermeister Franz Dobusch vor Landesparteichef Josef Ackerl ans Rednerpult. Im Zentrum beider Ansprachen: Verteilungsgerechtigkeit. So forderte Ackerl kämpferisch ein Steuersystem, in dem „endlich in diesem Land die Reichen das Gleiche an Steuern zahlen wie alle anderen“. Die Botschaft zog sich auch als roter Faden durch den heurigen Aufmarsch: „Die Millionäre müssen zahlen“, „Nein zu Massensteuern“ oder „Es reicht für alle“ zählten zu den häufigsten Botschaften auf den Transparenten. „Man freut sich darauf mitzugehen, weil es ein Höhepunkt ist, wenn man das ganze Jahr für etwas arbeitet“, begründet Martin Loishandl seine Teilnahme am Maiaufmarsch.

Friedliche Demonstration

Friedlich verlief dieses Jahr die vom „Aktionskomitee 1. Mai“ veranstaltete alternative Demonstration nach Ende des SP-Aufmarsches. Im Vorjahr waren Polizei und Demonstranten dabei gewaltsam aneinandergeraten, was bis heute die Gerichte beschäftigt. „Die 200 bis 300 Teilnehmer haben sich heuer entsprechend verhalten. Es hat keine Grundlage gegeben, einzuschreiten“, so Alexander Niederwimmer von der Polizei Linz. Vor Beginn der alternativen Demo zeigte das Kunstprojekt „CamCatWalk“ eine satirische Modeschau – um an die wegen der angeblichen Vermummung von Demonstranten hervorgerufenen Ausschreitungen von 2009 zu erinnern: „Es geht darum, das Vermummungsverbot zu persiflieren“, erklärt Veranstalter Günther Ziehlinger.

Demo in Linz friedlich verlaufen

ooe.orf.at
Mon, 2010-05-03

Die von einem "Aktionskomitee 1. Mai" organisierte alternative Demonstration in Linz ist friedlich verlaufen. Die Zwischenfälle des Vorjahres - gewaltsame Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei - wiederholten sich nicht.

Erinnerungen an 2009
Vor Beginn der diesjährigen Demonstration erinnerte ein "CamCatWalk" an den Auslöser des Polizeieinsatzes 2009 - die Vermummung einiger Teilnehmer. Bei dem Wettbewerb ging es um originelle Verkleidungen. Den Siegespreis "Goldene Sicherheitsnadel" hat eine Art Cheerleader-Truppe gewonnen.

200 bis 300 Demonstranten

Anschließend zogen die Teilnehmer über die Landstraße zum Hauptplatz, wo eine Abschlusskundgebung zum Motto der Demonstration "Der Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichte" stattfand.

Die Polizei schätzte die Zahl der Demonstranten auf 200 bis 300. Es waren zahlreiche Beamte im Einsatz, der überwiegende Teil trat allerdings gar nicht in Erscheinung, sondern stand in der Umgebung in Bereitschaft.

Langer Festzug der SPÖ Linz

Die alternative 1. Mai-Demo startete verzögert, weil der zuvor angesetzte Festzug der SPÖ Linz wesentlich länger als erwartet war. Die Festansprache auf dem Hauptplatz hielt der oberösterreichische Landesvorsitzende und Landeshauptmannstellvertreter Josef Ackerl.

Er trat dabei für ein gerechtes österreichisches Steuersystem, in dem "endlich in diesem Land die Reichen das Gleiche an Steuern zahlen wie alle anderen".

ÖVP besuchte Arbeitende

Auch die ÖVP Oberösterreich führte eine 1. Mai-Aktion durch: Parteiobmann und Landeshauptmann Josef Pühringer besuchte an diesem Tag arbeitende Menschen in ihrem Betrieb.

Der 1. Mai in Linz - Fokus: Exekutiveinsatz

fm5ottensheim
Son, 2010-05-02

Nachdem es letztes Jahr beim alternativen Mai-Aufmarsch von u.a. der kommunistischen Jugend zu gewalttätigen Zwischenfällen mit der Polizei kam, nachdem diese vermummte TeilnehmerInnen einkesselte und schließlich mit Gewalt willkürlich einzelne Personen aus der Menge zerrte, was vielfältig dokumentiert und für entsprechende Aufregung weit über Linz hinaus sorgte, entschloss ich mich, dieses Jahr selber erstmals einen Mai-Aufmarsch zu besuchen.

Nachdem der offizielle, sozialdemokratische, Aufmarsch gegen 11 Uhr am Hauptplatz eintraf, startete der "alternative 1. Mai"-Aufmarsch etwas später, gegen 11.30 Uhr. Beim Treffpunkt im Volksgarten schätzte ich die Menge auf etwa 300 Personen, was (wieder mal) mit der Polizeischätzung (die ich da noch nicht kannte) übereinstimmt. Andere Teilnehmende sprechen von bis zu 800 Teilnehmern. Gut möglich, dass es mehr als 300 Personen waren, zumindest nach Beginn des Marsches Richtung Hauptplatz. 800 dürfte aber auch etwas zu hoch geschätzt sein.

Rückblick 2009

Die Demo verlief dieses Jahr besonders ruhig, nachdem die Vorfälle des Vorjahres die Polizei in ein äußerst schlechtes Licht gerückt haben, nicht zuletzt, da mit dem Vize-Rektor der Kunstuni offensichtlich kein vermummter Chaot festgenommen wurde. Dieser konnte auch vor Gericht glaubhaft nachweisen, dass er eigentlich gar nicht an der Demo teilgenommen hatte, aber nach der Einkesselung dieser Demo sich vom Hauptplatz aus auf den Weg zur Demo machte, und just bei seinem Eintreffen zu sehen, wie eine Bekannte grob von der Polizei behandelt wurde. Als er sich erlaubte, der Polizei zuzurufen, dass sie nicht so grob sein sollen, wurde er schneller unsanft festgenommen, als er schauen konnte. Schließlich sah er sich Vorwürfen wie Widerstand gegen die Staatsgewalt konfrontiert und hatte, wie einige andere Teilnehmer auch, sich vor Gericht zu verantworten. Bis auf einen Fall endeten alle Verfahren in erster Instanz mit Freisprüchen - ebenso auch die Verfahren gegen einzelne Polizisten, denen übertriebene Gewaltanwendung vorgewurfen wurde (was soll das hier sonst sein? Übrigens scheint sich auch hier wieder zu zeigen, wie sehr der ORF unter der politischen Fuchtel steht), was die Richter aber anders sahen. In einem Urteil erlaubte sich ein Richter (oder Richterin?) sogar die groteske Begründung, "ein Polizist würde doch nicht lügen" (sinngemäß zumindest), also im Zweifel eben für die Polizei, Faktenlage hin oder her! Hintergründe und Details zu den Verfahren wurden u.a. hier veröffentlicht: http://antifa.servus.at

Lehren für 2010

2010 zogen daher alle Beteiligten folgende Lehren: Keine Feuerwerkskörper seitens der DemonstrantInnen, keine "herkömmliche" Vermummung: Stattdessen ein kreativer Verkleidungs-Workshop, um auf die Absurdität des Eskalations-Anlasses im letzten Jahr hinzuweisen: nämlich, dass einige TeilnehmerInnen mit Sonnebrillen und Kapuzen ihr Gesicht teilweise versteckten. Solche DemonstrantInnen waren zwar auch dieses Jahr zu sehen, aber offenbar schätzte die Polizei in diesem Fall einen friedlichen Verlauf der Demo doch höher ein, als "auf Teufel komm raus" den offensichtlich ungefährlichen "Vermummten" ihre Maskerade zu verbieten. Außerdem waren dank des Workshops zahlreiche TeilnehmerInnen mit Perücken, aufgeklebten Schnauzbärten, Schminke usw. nahezu barock, oder eher: grotesk, verkleidet. So auch die subversiven Cheerleaderinnen, die mit rosa Outfit und hässlichen Schnauzbärten Anti-Nazi-Chöre intonierten und dazu Tanzbewegungen ausführten ("to the left, to the left, and never to the right ...").

Bis auf die subversive Clown-Truppe, die ein paar uniformierten Beamten gehörig auf die Nerven gegangen sein dürfte (was diese bemüht tolerant ignorierten), da sie sich ihnen immer wieder in den Weg stellten und einmal sogar - kindergartenmäßig, Hand in Hand - einkreisten, gab es keinerlei Aktivitäten seitens der Demonstranten, die polizeilich als Provokation gewertet werden könnte. Und jene paar "Halbvermummte" (Sonnenbrillen usw.), die an zwei Stellen im Demo-Zug als kleine Grüppchen anzutreffen waren, wurden von Exekutivbeamten mehr auffällig als unauffällig gefilmt, fotografiert und nie aus den - zahlreichen - staatlichen Augen gelassen. Womit wir schon beim nächsten Punkt wären:

Skurrile Exekutive

Sehr skurril präsentierte sich die Polizei bzw. die Staatspolizei an der Demo. Gaben Medienberichte (Gratiszeitungen, Boulevard) mit ihrer Nachricht, ein junger Polizei-Offizier solle dieses Jahr den Polizeieinsatz an der Demo führen, Grund zur Sorge, die Polizei würde sich auch dieses Jahr wieder ungeschickt verhalten, zeigte sich vor Ort ein deutlich entspannteres Bild: Die Polizei war nur mit wenigen sichtbaren Beamten vor Ort, praktisch die gesamte "Infanterie" war auf Abruf im Viertel zwischen Neuem Dom und Bahnhof "versteckt" - sie wurde jedoch nicht herangezogen und auch nicht benötigt.

Das skurrile am Ganzen ist aber der massive Einsatz von "Undercover"-Beamten, wobei natürlich für mich als Außenstehenden nicht klar ist, ob diese nun von der Polizei, Staatspolizei oder von sonst wo sind. Jedenfalls fielen sie als äußerst ungeschickt getarnt auf. Ich erlaube mir, den staatlichen Mitlesern hier ihre Tarnungsfehler aufzuzeigen, in der Gewissheit, dass sie an ihrer "Tarnung" ohnehin nichts ändern werden. Und jene gut getarnten Beamte, die aufgrund der Fülle an schlecht getarnter Beamte vermutlich auch in der Menge steckten, sind mir ohnehin nicht aufgefallen. Im Vertrauen auf ein gewisses Mindestmaß an Professionalität der staatlichen Sicherheitsorgane gehe ich aber davon aus, dass ich nicht alle zivilen Ermittler erkannt habe, und auch, dass jene schlecht getarnten Beamte womöglich ganz bewusst nicht unauffälliger in Erscheinung traten - vielleicht wollten sie sich ja doch irgendwie abschreckend für die Demo-Teilnehmer erkennbar machen, ohne gleichzeitig Medien und Zusehern den Eindruck eines massiven Polizeieinsatzes zu vermitteln.

Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, warum Zivil-Cops ihre antiken Funkgeräte samt pompöser Verkabelung so lässig aus ihren Jacken schauen lassen, ihre Ohr-Empfänger nicht besser verstecken (wie wärs mit großen Sombreros oder blumenbestückten Strohhüten?) oder so extrem auffällig die ganze Zeit gewisse Personenkreise anglotzen - oder das Gegenteil - während der gesamten Dauer der Demo sich immer an gewissen Personen orientieren, aber diese nie anschauen, sondern ganz "natürlich" die ganze Zeit miteinander plaudern, Zigretten rauchen und Eis essen - und ganz teilnahmslos die gesamte Demo von früh morgens an begleiten, ohne offensichtlich irgendwie damit zu tun zu haben.

Vorbild: Beastie Boys - Sabotage?

Ein richtiges Beastie Boys-Sabotage-Beispiel gab der "spektakuläre" Schichtwechsel an der Haltestelle Goethekreuzung, respektive im Volksgarten ab. Nachdem sich zwei der vier, laut erfahrenen Demonstranten Stapo-Beamte, schon "unauffällig" in den startenden Demo-Zug begeben haben, gingen die anderen zwei, um als vierer Gruppe nicht aufzufallen, in die andere Richtung, in den Volksgarten, Richtung Demo-Ende. Dort gingen die offenbar nach Vorbild des besagten Beastie Boys-Videos gekleideten StaPos, alle Anwesenden keines Blickes würdigenden, Richtung gegenüberliegenden Park-Ausgang um dann hinter den Bäumen irgendwo in einem Auto zu verschwinden. Während ich mich schon wunderte, warum die zwei Beamte gerade zu Demo-Beginn gehen sollte, näherte sich die Antwort, beinahe die Wege der Kollegen kreuzend, von der anderen Seite: Zwei relativ junge (knapp 40?) Kollegen mit der Ausstrahlung von Streetworkern (Jeans, betont lässige Jäckchen und Umhängetaschen) dem Demo-Ende, um fortan der Demo bis zum Hauptplatz an immer der selben Stelle (zuerst knapp hinter der Demo, dann daneben) zu folgen. Die ganze Zeit über schienen sie sich kein bisschen für die Demo interessieren - sie haben sie so gut ignoriert, als einzige weit und breit, dass es schon wieder auffällig war. Während Passanten stehen blieben und kurz der Demo lauschten, oder stattdessen eilig vorbeigehen, und während alle Teilnehmer oder Mitläufer der Demo aufgrund ihrer Blicke, ihres Verhaltens, auch als solche zu erkennen waren, blieben die beiden "Streetworker" cool in ihren Dialog-Rollen stecken, begleiteten die ganze Demo, stets die Demo ignorierend. Damit das ganze nicht auffällt, haben sie, abgesehen von ihren gelangweilt, beiläufig wirkenden Gesprächen noch ein paar Ideen vorgesehen: Die ersten 10 Minuten rauchen sie genüsslich eine Zigarette, die nächsten 10 Minuten verzehren sie gemütlich einen am Weg gekauften Eis-Becher (danach hab ich mich nicht mehr für sie interessiert).

Viel uncooler waren aber jene aus Sabotage-stammenden Typen, die allen ernstes mit Leder-Jacken, Jeans-Jacken und Mänteln, wahlweise im ungepflegten 3-Tage-Bart-Stoppelglatze-Schwerverbrecher-Stil oder im schnauzbärtigen 70er-Jahre-Detektiv-Stil, die Demo begleiteten. Zumeist in 2er-Teams unterwegs, gab es auch ein 3er- oder 4er-Team, nämlich jenes, das ganz vorne an der Demo das kleine vergnügt herumhüpfende Grüppchen Punks filmte und fotografierte, andere Kollegen hatten historisch-große Funkgeräte in der Jackentasche und vereinzelt auch Headsets bei sich.

Was das ganze noch skurriler macht: Irgendwie dürfte einigen von denen nicht entgangen sein, dass ich sie die ganze Zeit beobachte - und so erntete ich gelegentlich misstrauische Blicke, die einmal "Was macht der?" zu fragen schienen, ein anderes Mal ein nachdenkliches "Ist das ein Kollege?".

Insgesamt habe ich etwa 10 Zivil-Beamte als solche erkannt. Bei der Größe der Demo (unterwegs dehnte sie sich ganz schön aus) und der Anzahl der offensichtlichen Zivil-Beamten ist aber davon auszugehen, dass noch einige mehr im Dienst waren - mal abgesehen von jenen, die in ihren Autos irgendwo in der Umgebung rumsitzen und -fahren. Fazit: Ein Großeinsatz von Zivil-Fahndern sondergleichen, der mir in diesem Ausmaß an noch keiner (vergleichbar großen) Demo aufgefallen wäre. An diesem 1. Mai 2010 konnte die StaPo wohl wieder höchst erfolgreich zahlreiche Personenakten ausbauen und neue anlegen. Ein Hoch auf die Bespitzelung der Zivilgesellschaft! Und respect für die, wenn vielleicht auch nicht ganz freiwillige, Transparenz bei dieser Bespitzelung! So macht Beobachten der Beobachter Spaß!

Steuergeld für Mai-Provokateure

Heute
Fre, 2010-04-30

Hochspannung herrscht in Linz vor den angekündigten Demonstrationen linker Gruppierungen zum 1.Mai. Grund: 2009 vermummten sich Demo-Teilnehmer, die Polizei schritt ein. Das Ergebnis waren Verletzte auf beiden Seiten und fünf Festnahmen. Das Vermummungsverbot droht auch heuer die Stimmung kippen zu lassen. In einem Kunstprojekt mit dem Namen „CamCatWalk“ wird am Samstag ab 9.30 Uhr im Volksgarten die beste „Verkleidung“ gesucht.
Gefördert wird der Event aus dem Innovationstopf der Kulturplattform KUPF, die wiederum aus Landesmitteln gespeist wird. Einen ähnlichen Fall gab es im Rahmen von Linz09: Dort wurden bei der mit Steuergeld finanzierten „Subversivmesse“ Taktiken gegen Polizisten gelehrt - „Heute“ berichtete.
Kritik setzt es unterdessen innerhalb der Polizei an den Einsatzvorbereitungen für Samstag: Ein junger Offizier soll angeblich die Führung der Mannschaft übernehmen.

Vorsicht ist das Gebot der Stunde

Österreich
Don, 2010-04-29

Landauf, landab (Mario Born)

Am Samstag schaut das Land auf Linz. Dabei wird es weniger um die farbenfrohe Demo gehen. Es geht eher um das, was mitschwingt, die Stimmung angespannt macht: Wie ein Schatten liegen die Vorkommnisse des Vorjahres auf der 1.-Mai-Demo, der Nachgeschmack der Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten hält immer noch an. Zu massiv waren Übergriffe von beiden Seiten, zu massiv die Vorwürfe gegen die Exekutive. Die Polizei wird sich hüten, dass es erneut zu unschönen Szenen kommt. Aber auch die Gegenseite ist in der Pflicht: Das Demonstrationsrecht ist heilig, darf aber nicht für Provokationen ausgenutzt werden.

Polizei rüstet sich für die 1.-Mai-Demo

Österreich
Don, 2010-04-29

Anspannung nach Krawallen 2009
Konsequenzen für fünf Beamte

Angespannte Stimmung herrscht vor der Demo am 1.Mai in Linz zwischen Teilnehmern und Polizei. Grund: die Ausschreitungen im Vorjahr.

Linz. 1.000 erwartete Teilnehmer, rund 150 Polizisten und gereizte Atmosphäre: Das ist die Lage vor der großen Kundgebung zum 1.Mai in Linz. Die traditionellen Aufmärsche am „Tag der Arbeit“, zu denen SPÖ, AK, türkische Vereine und Linke aufrufen, stehen unter keinem guten Stern. Zwar rufen alle Seiten zur Bedächtigkeit auf. Doch Demonstranten sowie Polizei haben angekündigt, den Tag lückenlos auf Video zu dokumentieren. Denn das Misstrauen ist groß: So war es im Vorjahr zu massiven Ausschreitungen gekommen.

Gereizt. An dem Tag hatte grundsätzlich eine gespannte Stimmung geherrscht. Eine rechte Demo war erwartet worden, es gab Krawalle von Skinhead am Pfarrplatz, Auseinandersetzungen am Hauptplatz. Auf der Blumau eskalierte die Situation. Hier hatten sich mehrere hundert Personen aus dem linken Spektrum versammelt. Hier kam es zwar nicht zu den befürchteten Zusammenstößen zwischen links und rechts, dafür zwischen Demonstranten und Polizei. Es gab auf beiden Seiten Verletzte. Fünf Personen wurden festgenommen, darunter auch der Vize-Rektor der Linzer Kunstuni, Rainer Zendron. Er und drei weitere Demonstranten wurden mittlerweile freigesprochen.
Gegen fünf Beamte ermittelt noch die Staatsanwaltschaft Linz wegen des Verdachtes der Körperverletzung unter Ausnützung der Amtsgewalt. Egal wie diese Untersuchung gegen die fünf, denen Demonstranten Polizeibrutalität vorwerfen, ausgehen: „Sie werden bei keiner Einsatzeinheit mehr eingesetzt werden“, so ein hochrangiger Polizeiinsider.

Provokant. Die Vorfälle von 2009 sind auch Thema der heurigen Demo: So soll eine Modeschau ironisch-provokant an den Auslöser des Polizeieinsatzes – die angebliche Vermummung von Demonstranten – erinnern.

1. Mai 09: Der Akt des .BAK und das lange Warten

at.indymedia.org
Mit, 2010-04-28

Nun wo wir uns schon wieder auf den heurigen 1.Mai am Samstag freuen und sich schon viele daran gewöhnt zu haben scheinen dass die juristische Prozedur mit den Freisprüchen abgeschlossen ist, möchten wir kurz in Erinnerung rufen, dass die auch stark vom Bündnis gegen Polizeigewalt geforderte „lückenlose Aufklärung des Polizeieinsatzes“ immer noch auf sich warten lässt. Musste sich der erste Demonstrant schon nach 1½ Monate nach dem 1.Mai vor Gericht verantworten wird die genauere gerichtliche Betrachtung der Taten der Polizei immer weiter hinaus gezögert. Die Bilanz des Feiertages im letzten Jahr ist erschütternd. 20 Verletzte, fünf Festnahmen, gegenseitige Schuldvorwürfe und die Tatsache, dass erstmals seit 1945 ein Maiaufmarsch nicht durchgeführt werden konnte.
Der Einsatz soll noch auf zwei Ebenen unter die Lupe genommen werden. Der Unabhängige Verwaltungssenat hat sich aufgrund von Beschwerden Betroffener mit unrechtem Verhalten von Polizeibeamt_innen bei Verhaftungen zu widmen und das Gericht mögliche strafrechtlich relevante Vergehen zu untersuchen.

Die UVS Verhandlung beginnt (hoffentlich bald)
Am 12. April war das erste (organisatorische) Treffen vor dem UVS bezüglich der Beschwerden die von den Freigesprochenen über ihren Anwalt eingebracht wurden. Dabei geht es in erster Linie um die Frage ob und wie weit sich die einschreitenden Polizeibeamten nicht an das Sicherheitspolizeigesetz (in dem Rechte der Betroffenen formuliert sind) gehalten haben. So muss eine Amtshandlung wie das gewalttätige Durchsetzen einer Verhaftung erst angedroht werden nachdem auch alle gelinden Mittel versucht wurden – das scheint nicht ganz so gewesen zu sein. Wie erwarten, dass die Verhandlungen im Mai zügig voranschreiten.
Die Polizei hat erfolglos versucht die Unzuständigkeit des UVS nach formalen Gesichtspunkten zu argumentieren. Mittlerweile hat der UVS sich inhaltlich für zuständig erklärt.

Immer noch keine Entscheidung der Korruptionsstaatsanwaltschaft
Die Korruptionsstaatsanwaltschaft hat sich immer noch nicht entschieden, ob und wieviele Polizisten sich vor Gericht verantworten müssen. Eigentlich ist diese Entscheidung mit Ende März in Aussicht gestellt worden. Der Akt vom 'Bundesamt zur Korruptionsprävention und Korruptionsbekämpfung (.BAK)' liegt schon recht lange auf dem Schreibtisch von Staatsanwalt Mag. Philip Christl, der die gerichtlichen Untersuchungen leitet und dem die Entscheidung obliegt gegen wen und in mit welchem Vorwurf ein Strafantrag gestellt wird.
Es ist nun an der Zeit Klartext zu reden und so erwarten wir von der Korruptionsstaatsanwaltschaft sofort eine Aussage was diese gedenkt zu tun. Anwalt René Haumer rechnet damit, dass es noch diese Woche zu einer Entscheidung kommen wird.

Der Akt des .BAK
Allein der Akt des BAK ist 156 Seiten stark und umfasst neben Informationen zu schon bekannten skandalösen Polizeipraxen (Absprache über Aussagen via Mail, unhinterfragt unterzeichnete Amtsvermerke etc.) vor allem Aussagen der Beschuldigten und von Zeug_innen sowie ein Einsatzablauf-Protokoll vom 1.Mai 2009, Dienstbefehle, eine Waffengebrauchserhebung und Lagebeurteilungen. In dem Einsatzablauf-Protokoll ist unter anderem zu lesen:
„11:11 S: Weisung der Behördenvertreter: Abmarsch der vermummten Gruppe ist zu unterbinden, ID Feststellung durchführen“
„12:48 S: Magazin einer Dienstwaffe wurde verloren...“
„13:01 Das Gegenüber ist bewaffnet. SB: Frosch und Rettung wurden verständigt.“
„13:16 S: Neuerlicher Gewaltausbruch, mehrere Festnahmen. Lentos 1 ordnet Helm auf an.“

In der Auflistung vom Gebrauch vom Körperkraft, Pfefferspray und Einsatzstock werden insgesamt 37 Waffengebräuche aufgelistet. Unter dem Punkt 'Unbeteiligte' ist lapidar zu lesen: „Kaum, jedoch nicht sicher.“
Auch die stark abweichenden Zahlen machen stutzig, so ist in einem Bericht zu lesen „Insgesamt waren ca. 400 Versammlungsteilnehmer eingetroffen.“ wobei anderswo alleine von „ca. 300 – 400 Personen aus der linkstendenziösen und Antifa-Szene“ die Rede ist (beide Berichte wurden noch am 1.Mai verfasst).
In den Abschluss-Berichten des BAK werden gegen sechs Polizeibeamte der Verdacht auf Missbrauch der Amtsgewalt; Strafbare Handlungen unter Ausnützung einer Amtsstellung und Körperverletzung erhoben. Dass zumindest jener Polizist, der vor laufender ORF-Kamera einen Schlag gegen den schon zu Boden gehenden Rainer Zendron augesführt hatte, mit einer Anklage rechnen muss scheint wahrscheinlich. Weitere Polizisten, die in der Sachverhaltsdarstellung der Verteidigung thematisiert wurden (es geht um die mittlerweile berühmte Prügelaktion, die vielfach dokumentiert wurde), versuchen ihr Verhalten damit zu verteidigen, sie hätten rechtskonform nach den Einsatzrichtlinien gehandelt. So gibt ein Beschuldigter zu Protokoll, dass „wir so maßhaltend wie möglich aber auch effizient wie nötig und entsprechend den Einsatzrichtlinien vorgegangen sind. […] Zur Anzahl der Schläge führe ich an, dass ich die ersten Schläge trotz vollem Bewegungsumfang (weil so trainiert und geschult wird) äußerst maßhaltend durchgeführt habe, um bei gleichzeitiger psychologischer Wirkung eine wenigst mögliche Beeinträchtigung des Gegenübers hervorzurufen.“ Wir kennen diese Geschichte schon von den Aussagen der Polizisten vor Gericht – können sie aber immer noch nicht glauben. Dieser Beamte spricht auch anfänglich von „ein paar Schläge“ und ändert seine Aussage nach der neuerlichen Betrachtung des ORF-Videos auf „mehrmals zugeschlagen“. Wir haben 15 gezählt.
Auch der Schläger von Rainer Zendron verweist auf seine Ausbildung: „[...] drehte ich mich kurz zur Seite und machte dass, was in der Einsatzeinheit gelernt hatte: ich wollte bei ZENDRON einen kurzen Schmerzreiz setzen, damit die Kollegen die Festnahme durchführen konnten, indem ich einen Rotationsschlag mit dem Einsatzstock machte und auf den Oberschenkel des ZENDRON zielte.“ (getroffen hat er den Rücken) […] „Es war ein dosierter Schlag um den Widerstand des ZENDRON zu brechen.“ „Mein Schlag war nicht wahllos oder grundlos geführt, sondern um endlich den Abtransport des ZENDRON zu ermöglichen und dadurch die aufgebrachte Menge wieder besser in den Griff zu bekommen.“

Die Paranoia nimmt Gestalt an
Das Aktenmaterial gibt auch Hinweise darauf, wie es zu der massiven Behinderung der 1.Mai Demo kommen konnte. Alles scheint mit einem mit dem Vermerk „VERTRAULICH“ gekennzeichneten Bericht vom 20. April 2009 des Analysten vom Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung seinen Anfang zu nehmen. In diesem werden mögliche Gefährdungspotentiale am 1.Mai bewertet und begründet. Zur alternativen 1. Mai Demo ist darin zu lesen: „An der Kundgebung des Aktionskomitees, sprich der KPÖ OÖ nehmen, wie dies auch in den letzten Jahren der Fall war, auch Angehörige jener am äußersten Rande der politischen Linken angesiedelten Organisationen, nämlich der Anarcho-Szene, aber auch „Freie Radikale“ teil, welche sich unter anderem mittlerweile auch tatkräftig im „Kampf gegen Rechts“ engagieren.“ Wenn das kein Grund für eine Infragestellung des Demonstrationsrechtes und für die Verhinderung der 1.Mai Demo ist!
Doch auch die von uns durchaus nicht in Frage gestellten Gefahren werden benannt: „Dennoch sind Provokationsversuche Angehöriger rechtstendenziöser Gruppen nicht gänzlich auszuschließen“[...] „Zumal immer wieder bestimmte Überschneidungen zwischen den Sympathiesanten der Strache-FPÖ und Angehöriger rechtstendenziöser Gruppierungen feststellbar sind,[...]“ Na, wenn das mal nicht eine klare Aussage ist.
In einer „Lagebeurteilung 1.Mai Aufmärsche – Ergänzung“ vom 30. April 2009 ist dann schon eine Verschärfung der Gangart vorgezeichnet: „Es wäre darauf zu achten, dass beim Sammeln bzw. beim Wegmarsch unbedingt das Vermummungsverbot eingehalten wird und etwaige Vermummungsverbote (sic!) bereits vor dem Abmarsch zu verhindern sind“ Daraus scheint sich die oben schon angeführte „Weisung der Behördenvertreter: Abmarsch der vermummten Gruppe ist zu unterbinden, ID Feststellung durchführen“ zu resultieren.
Da sich viele Personen im Kessel weigerten ihre Identität und diesen Umständen preiszugeben und die Demonstration zu verlassen entschied man sich in der Einsatzleitung dafür, die Demonstranten gewaltsam aus dem Kessel zu entfernen. Vor Ort verantwortlich waren Behördenvertreter Hofrat Mag. F, Einsatzleiter Obstlt. M. und EE-Kommandant P. Letzterer dazu: „Hofrat Mag. F. Obstlt. M. und ich wägten alle „Für und Wieder“ ab und entschlossen uns dann die Situation auf der Blumau zu beenden.“ Und weiter: „Als ich S. den Auftrag gab, war mir bewusst, dass ein Herausholen der Rädelsführer wahrscheinlich nicht ohne Anwendung von Körperkraft gehen wird.“ Für die Aufgabe wurde die EE-Einheit Lentos 50 ausgewählt, bestehend aus sieben Mann.
GrInsp. S., einer der Beamten des Greiftrupps, gibt an: „Bei der angeführten Besprechung wies ich darauf hin: ‚Nur für das Protokoll damit darüber gesprochen wird. Wenn wir jetzt reingehen tut es weh.“ Der Adressat des Hinweises Obstlt. M. sagt aus „Dazu führe ich an, dass ich mich auf diesen Hinweis heute konkret nicht mehr erinnern kann.“
Ebenfalls ermittelt wurde wegen des Aktenvermerkes, der zur ersten Anklage führte und von sechs Beamten unterschrieben wurde, obwohl vier vor Gericht zugeben mussten, eigentlich nichts gesehen zu haben. Alle Beamten äußerten sich ähnlich zu diesem Faktum: „D. verfasste diesen Aktenvermerk und damals habe ich ihn unterschrieben, weil ihn alle unterschrieben haben. Den Beweggrund warum wir ihn alle unterschrieben haben, kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen.“

Raus zum 1.Mai!
Aus den Erfahrungen des letzten Jahres wird es heuer eine Rechtshilfe-Telefonnummer geben. Diese wird am Samstag gemeinsam mit einigen wichtigen Verhaltenshinweisen bei der Demo verteilt. Ein 'Demo HowTo' findet ihr auch auf unsrer Homepage.
Lasst euch nicht einschüchtern und passt aufeinander auf!

Autonome Rechtshilfe (Linz)
http://rechtshilfe.servus.at

Alles aus Oberösterreich 17:25

liferadio.a
Mit, 2010-04-28

Nach der Eskalation im Vorjahr soll die linke 1.Mai-Demo in Linz heuer noch größer und besser organisiert werden. Das Bündnis gegen Polizeigewalt wird die ganze Veranstaltung mit zwei Kamerateams mitfilmen. Das wird auch die Polizei tun. Sie will außerdem nur schützen, begleiten und den Verkehr regeln. Alle Beteiligten gehen davon aus, dass die Demo heuer friedlich verlaufen wird.

1. Mai-Demo:„Wir haben die Strategie so gewählt, dass es nicht mehr zu ähnlichen Vorfällen kommt“

nachrichten.at
Die, 2010-04-27

LINZ. „Im Vorjahr hat sich die Situation bei der 1. Mai-Demo in Linz aufgeschaukelt“, sagt der Linzer Polizeidirektor Walter Widholm. Die OÖN sprach mit ihm darüber, was die Polizei aus diesen Erfahrungen gelernt hat.

OÖN: Was wird die Polizei heuer anders machen?

Widholm: Wir haben die Strategie so angepasst, dass es nicht mehr zu ähnlichen Vorfällen kommt.

OÖN: Wie sieht diese Strategie konkret aus?

Widholm: Wir wollen noch mehr deeskalierend wirken, das Gespräch suchen, beruhigend auf einzelne einreden. Unsere Beamten sind dafür geschult und haben bei der Fußball-EM gezeigt, dass sie es können. Ich bin sehr zuversichtlich, dass auch die Demonstranten daraus gelernt haben und es zu keinen Provokationen kommen wird. Im Vorjahr war das ja für alle Beteiligten ein unangenehmes Ereignis, für Polizei und Demonstranten.

OÖN: Wird die Polizei auch heuer wieder filmen?

Widholm: Wir werden versuchen, die Veranstaltung schon in der Vorphase besser zu dokumentieren als im Vorjahr, mit Video und Fotokameras. So dass niemand mehr sagen kann, was die Polizei behauptet, ist nicht passiert.

OÖN: Stimmt es, dass auch der Menschenrechtsbeirat am 1. Mai dabei sein wird?

Widholm: Wir laden ihn ein, die Veranstaltung aktiv zu beobachten. Wir haben nichts zu verheimlichen. Alles soll und muss transparent ablaufen.

OÖN: Wie viele Demonstranten werden eigentlich erwartet?

Widholm: Es können schon etwa 1000 werden.

OÖN: Und wie viele Polizisten werden im Einsatz sein?

Widholm: Mehr als 150 Kollegen und Kolleginnen von der Einsatzeinheit. Sie werden sich so weit es geht im Hintergrund halten. Ich bin optimistisch, dass die Demonstration heuer ohne große Zwischenfälle ablaufen wird.